dana greiner

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„ILINX“

Photo: Johannes Bendzulla

INTERVIEW ANNE VIETH WITH DANA GREINER

Anne Vieth:

Die Ausstellung trägt den Titel Ilinx und verweist damit auf eine

einflussreiche Spieltheorie des 20. Jahrhun-derts. Der französische

Soziologe Roger Caillois unterschied in seiner Publikation „Die

Spiele und die Menschen“ (1958) grundsätzlich vier verschiedene

Arten des Spiels, von denen in vielen Spielen auch mehrere Aspekte

zugleich vorkommen. Von den Grundformen agon (Wettkampf),

alea (Zufall), ilinx (Rausch), mimikry (Maskierung) hast

du als Leitmotiv deiner Präsentation das Rauschhafte, also jene

Momente des Spielens gewählt, in denen ein Gefühl der Desorientierung

einsetzt. Was hat dich an diesem Zustand grundsätzlich,

was im Besonderen mit Blick auf deine künstlerische Praxis

interessiert?

Dana Greiner:

Freiheit ist der unabdingbare Motor des Spiels – und natürlich auch

der Kunst. Farbe ist Spiel, Bewegung ist Spiel. Selbst das Formulieren

eigener Regeln innerhalb dieser Freiheit ist ein Spiel.

Das Rauschhafte in meiner Arbeit liegt genau in diesem Spannungsverhältnis:

im Versuch, Bildformen zu fixieren, während sie sich noch

in Bewegung befinden. Sie einzufangen wie ein Irrlicht oder sie, im

Gegenteil, einem tatsächlichen Verlauf auszusetzen.

Dieses scheinbar mühelose Zusammenfügen und Trennen eigener

Bildwelten erzeugt eine Dynamik, in der sich Bedeutungen verschieben,

neue Bezüge entstehen und bestehende Ordnungen unterlaufen

werden – etwa durch das Ineinandergreifen vergangener und gegenwärtiger

Bildelemente, durch Kinetik oder durch Anamorphosen.

Am Ende entsteht ein Zustand, der intuitiv wirkt, aber einem inneren

Regelwerk folgt. Eine Ordnung, die nicht vorab konstruiert ist,

sondern erst im Vollzug sichtbar wird, auch im Dialog mit den

Betrachter*innen.

Ein Beispiel dafür ist Arboreal, eine Arbeit aus 196 bemalten Glasbausteinen,

die sich mit jeder Interaktion verändert. Einzelne Steine der

zusammenhängenden Arbeit stehen zum Verkauf, Platzhalter ersetzen

die fehlenden. Es entsteht der Eindruck eines Schiebepuzzles. Das

Werk bleibt formal bestehen, verändert aber stetig sein Erscheinungsbild,

löst sich Stück für Stück auf, ohne je vollständig zu verschwinden.

Ein weiteres Beispiel ist Clandestine Encore, eine gerahmte Plexiglasarbeit,

die durch das programmierte Öffnen und Schließen eines

bedruckten Vorhangs das Bild erweitert oder vollständig verdeckt.

Der Ausstellungstitel Ilinx war für mich dabei weniger ein Konzept,

als ein Begriff, der bereits in den Arbeiten selbst angelegt war. Er

beschreibt für mich weniger ein theoretisches Raster als vielmehr eine

Haltung gegenüber Bewegung, Instabilität und Wahrnehmung. Diese

Haltung zeigt sich auch in anderen Projekten, etwa in Lüde in Ekcten,

einem abstrakten Theaterstück, das statische Werke mit Projektionen,

selbstkomponierter Musik und Skulpturen im Raum in immer neue

Bezüge setzt. Jeder Akt entwickelt eine eigene, ganz intuitive Dramaturgie.

Die Spieltheorie von Roger Caillois hat mich deshalb besonders angesprochen:

Sie beschreibt etwas, das sich mit künstlerischem Denken

grundlegend überschneidet, einen inneren Impuls, der sich in Bewegung

setzt, ohne auf ein konkretes Ziel hinzuarbeiten. Einen Motor, in

dem Anfang und Ende ineinander übergehen.

Diese Bewegung kann Beobachtung sein, Entfaltung, Infragestellung,

Herausforderung, Wiederholung, Schöpfung – auch Scheitern. Solche

Zustände sind flüchtig, oft widersprüchlich, aber zentral für das

Entstehen von etwas Neuem. Sie prägen sowohl das Spiel als auch die

Kunst. Caillois unterscheidet vier Grundformen: agon, den strukturierten

Wettkampf, alea, das Spiel mit dem Zufall, mimikry, die Maskierung

– und schließlich ilinx, den rauschhaften Taumel, das Moment

der Vertigo. Diese vier Formen stehen nicht isoliert nebeneinander,

sondern greifen ineinander wie kontrapunktische Stimmen. Sie bilden

keine lineare Ordnung, sondern ein System durchlässiger Sektoren:

Zwischen dem Disziplinierten und dem Entgrenzten, dem Regelhaften

und dem Exzessiven entstehen Übergänge, Räume, in denen sich das

Künstlerische ebenso bewegt wie das Spielerische.

Anne Vieth:

Viele deiner Werke und Installationen weisen filmische, musikalische

und theatrale Momente auf. Ich würde zusammenfassend

von einem inszenatorischen Interesse sprechen, das gezielt gegen

Kategorisierungen arbeitet. Wie näherst du dich den verschiedenen

Disziplinen an und wie gehst du zugleich mit Theorien

wie denen von Caillois um, die ja durchaus auf dem Prinzip der

Unterteilung gründen?

Dana Greiner:

Ist es nicht immer faszinierend, wenn sich in so etwas wie einem Spiel

etwas tief Ernstes hineinmischt?

Dass Caillois ein fast 300-seitiges Werk darüber geschrieben hat, wie

man das Spiel einordnen kann, ist für sich genommen schon eine

Großartigkeit.

Und diese vier Kategorien, denen man sich, manchmal fast horoskophaft,

annähern kann, weil sie vielleicht das eigene Naturell

besser beschreiben als andere. Dass mich ilinx mehr interessiert als

agon, ist jedenfalls eindeutig. Ich würde sogar sagen, dass ich mit

dem Ernst, den Caillois dem Spiel entgegenbringt, ein verbreitetes

Missverständnis gegenüber meiner Arbeit beantworten kann: das

Missverständnis, dass das Spielerische bloß Oberfläche ist. Mich

interessiert das Ernsthafte im Spiel – genauso wie das Spielerische im

Ernsthaften. Diese Haltung begleitet viele meiner Entscheidungen.

Und Kunst besteht zu großen Teilen aus getroffenen Entscheidungen.

In meiner Arbeit wird zum Beispiel die Farbwahl auf den ersten Blick

manchmal als bloßer Pop gelesen, das Neon als schrill, die Form als

konstruktivistisch. Aber man braucht das Intuitive für die Arbeit,

das sie dann auch anders verständlich macht. Dies ist dann keine

Kategorisierung, sondern dient der Ergänzung. Der Ergänzung eines

beispielsweise multimedialen Werks, das gleichzeitig Tauziehen und

Staffellauf bedeutet. Staffellauf im Hinblick auf die Möglichkeiten

der verschiedenen Kunstformen und deren jeweilige naturgegebenen

Grenzen – und Tauziehen um die Hoheit einzelner Akzente. Ich höre

häufig, dass meine Arbeit jemanden berührt hat, und das freut mich.

Denn ich selbst empfinde oft einen starken Ernst – manchmal auch

Schmerz – während der Arbeit. Manche Werke sind natürlich keck,

andere eher verkopft. Aber hier sieht man, dass sich die Kategorien,

wie bei Caillois gewissermaßen überlappen und wenn nötig an kom-

Interview Anne Vieth mit Dana Greiner über die Ausstellung ILINX

plementärer Stelle aneinander bedienen und sich gleichzeitig dort, wo

die Grenzen feststehen ganz unverbündbar zeigen. Musik, Bewegung,

Bild, Text, Objekt – sie stehen nicht nebeneinander, sondern treten in

einen Verlauf, der sich fortschreibt, neu sortiert, verschiebt. So entstehen

Momente, die intuitiv wirken, aber einer inneren Ordnung folgen,

die sich erst im Tun offenbart.

Anne Vieth:

Was ist es, was dich an der Rahmung deiner Werke fasziniert. Da

gibt es die gestalteten bzw. farblich auf die Komposition abgestimmten

Rahmen, die Kniefallrahmen, die 3-D-Druck-Rahmen

der neueren Arbeiten und im Grunde sind ja auch die Werke

mit Vorhängen spezifischgefasst. In der Kunstgeschichte des 20.

Jahrhunderts wurde der Rahmen auf vielfältige Weise reflektiert

und vor allem als werkgenerierendes Element verstanden. Ich bin

immer glücklich, wenn Künstler:innen die Rahmung vorgeben

bzw. auch den ungerahmten Zustand als klare Setzung verstehen.

Denn auch am Rahmen werden so elementare Diskussionen wie

die des autonomen Kunstwerks und des Ausstiegs aus dem Bild

verhandelt.

Photo: Johannes Bendzulla

Dana Greiner:

Angefangen hat das an der Kunstakademie, als ich begonnen habe,

Rahmen mit einfachsten Mitteln selbst zu bauen, oft ohne Gehrung,

meist aber auch schon lackiert. Manche waren größer als der Keilrahmen

und ragten nach vorn, um die Malerei über die Bildfläche hinaus

zu erweitern, andere liefen exakt auf Kante nach hinten, um Tiefe zu

erzeugen. Ich habe den Eindruck, dass manche Werke ganz nah an

der Wand sein wollen – die brauchen dann keinen Rahmen. Andere

streben förmlich nach vorn. Ein gerahmtes Bild wirkt für mich oft

wie Teil einer übergeordneten Betonung. Der Rahmen eröffnet die

Möglichkeit, das Bild skulptural zu denken, ihm eine zusätzliche Ebene

zu geben – ob exzentrisch, zurückhaltend, erhaben oder verspielt.

Man kann sehr symbolisch mit Rahmen umgehen, etwa Farbebenen

über sie hinaus in neue Achsen führen oder durch die Rahmung selbst

eine Art Herrschaft über die Wand etablieren. In solchen Momenten

ist der Rahmen beinahe wie ein Zepter – selbst die zurückhaltendsten

Versionen emanzipieren sich auf andere Weise von der Wand als eine

Leinwand es könnte.

In meiner Arbeit haben Rahmen tatsächlich eine sehr eigenständige

Funktion. Bei den Kniefallrahmenbildern etwa sind es zwei lackierte

Holzgestelle in Lebensgröße, die einander gegenüber knien. In den

Holzkörpern sind Plexiglasarbeiten eingespannt; eine Mischung aus

Malerei und Skulptur. Die beiden Werke fokussieren sich aufeinander,

lassen keinen Raum, um sie frontal zu betrachten. Man muss

sie umrunden, erlebt sie körperlich und bemerkt dabei, dass sich die

Kategorien von Medium und Rahmung zunehmend auflösen.

Was ursprünglich als Einfassung gedacht war, wird zum Werk selbst.

Meine neuesten Arbeiten haben auch einen sehr präsenten Rahmen,

der wesentlicher Bestandteil des Werkes ist. 3D gedruckte PETG

Rahmen, die unterschiedliche Formen annehmen und teils das Bild in

der Rahmung fortsetzen. Einige dieser Arbeiten gehören zur Caillois-

Reihe, die sich in Farbe und eingefügtem Schriftzug unterscheiden

und nach den vier Hauptbegriffen seiner Spieltheorie benannt sind –

gewissermaßen Hauptwerke der Ilinx Ausstellung.

Anne Vieth:

In den ausgestellten Bildern fällt auf, dass du mit vielen verschiedenen

Malmaterialien arbeitest. Auf der Bildfläche lassen sich

sehr vielfältige Haptiken erkennen – sei es der glatte Farbauftrag

der sich überlagernden Flächen, der besondere Effekt von Enkaustik

und Pastellkreide oder aber die fast „warzenartigen“ Erhebungen

auf manch einem Bild. Nicht zu vergessen die Schleck-

Bilder. Hast du auch auf Ebene der Maltechniken das spielerische

Moment für dich entdeckt?

Dana Greiner:

Jedes Malmaterial ist eigenständig, gerade selbst angemischt. Mit Pigment

und den unterschiedlichsten Bindemitteln wird daraus ein ganz

besonderer Akt. Ich habe schon früh angefangen, mit unterschiedlichen

Malmaterialien zu experimentieren. In der Akademie habe ich

in alle Töpfe gegriffen, um meinen persönlichen Ausdruck durch das

Aufeinandertreffen unterschiedlichster Medien zu finden.

Ich habe mit Latex, Epoxidharz, Enkaustik, Lacken, mit Eisen oder

Haaren versetzten Acrylmedien oder purem Pigment gearbeitet und

viele Rezepte aus dem Doerner Institut ausprobiert. Noch dazu habe

ich das Glück, aus München zu kommen, mit einem wunderbaren

Kremer Pigmente-Laden nebenan – das hat meinen Materialfetisch

noch erweitert. Ich habe erkundet, wie ich mit geometrischen Figuren

in Kombination mit unterschiedlichen Techniken und Medien die

Abstraktion aufladen kann. Das Lasierende auf das Opake treffen zu

lassen, das Matte auf das Glänzende – aber auch Assemblage-Techniken

mit Hula-Hoop-Reifen, Watte, Polyesterfäden oder Kunsthaar

habe ich früh eingesetzt.

Neu in meinen Arbeiten ist der flächige Auftrag von Pastellkreiden,

die ich früher eher partiell und akzentuiert verwendet habe. Und ja,

das „Schleckbild“ ist eine ganz neue Herangehensweise. In diesen

Bildern schlecke ich die Form und sozusagen auch den Inhalt, der aus

gegossenem Zucker besteht, zurecht. In der Ilinx-Ausstellung wird

diese Arbeit zusätzlich mit Projektion und Sound erweitert.

Anne Vieth:

Die abschließende Frage richtet sich an die Motive: Deine Malereien

würde ich auf den ersten Blick als Auseinandersetzung mit

der Abstraktion beschreiben. In vielen Werken lässt sich zugleich

eine Art Kreatürlichkeit entdecken. Kein unbekanntes Phänomen,

aber dennoch würde mich interessieren, was bei dir „dahintersteckt“?

Dana Greiner:

Das Wort „Kreatürlichkeit“ gefällt mir sehr – und ja, es trifft zu. In

meiner Arbeit liegt definitiv nichts rein Formalistisches. Es geht mir

darum, den Charakter und die Wirkung eines Materials oder einer

Form zu entschlüs-seln und sie dann durch andere Beschaffenheiten

komplex werden zu lassen. Es ist eine Art materialistische Psychoanalyse,

die sich während des Malprozesses vollzieht.

Ich arbeite so lange, bis alle Farben und Formen ihren Platz gefunden

haben – bis sie sich gegenseitig sowohl ergänzen als auch zerstören,

jedoch nie die Kommunikation untereinander abbrechen. Es ist wie

das Erschaffen einer sehr besonderen Persönlichkeit, an die man

irgendwann selbst nicht mehr ganz herankommt.

Es ist das, was ich wohl benötige um das entsprechende und sich widerspiegelnde

Gefühl von Ernst, Liebe, Ironie, Verletzlichkeit, Chaos

und Spiel zu erschaffen, da ich einen Gegenpart brauche und dieser ist

kreatürlich, da ich mit dem Bild kommunizieren muss und möchte.

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